Manchmal könnte man wirklich meinen, die Welt stünde Kopf. Nein, ich werde mich hier nicht zu aktuellen politischen Entwicklungen äußern. Mich beschäftigt heute etwas anderes: Ein Phänomen, das gut in unsere Zeit passt, aber möglicherweise problematische Folgen hat…
Immer häufiger drängt sich mir ein Verdacht auf: Wir verwechseln Ursache und Wirkung. Wir wollen Probleme lösen und greifen dabei oft zu Mitteln, die nur die Symptome bekämpfen. Die eigentlichen Ursachen bleiben unangetastet. Und dann wundern wir uns, dass sich nichts wirklich verändert. Oder tun zumindest so.
Natürlich: Manchmal wissen wir es nicht besser. Oft ist der Weg über die Symptombehandlung aber schlicht der bequemere – und leider meist auch der weniger nachhaltige.
3 Beispiele:
(1) Die Umwelt und das saubere Auto
Wir möchten „etwas für die Umwelt tun“, weil wir – zumindest ein Stück weit – verstanden haben, dass es so nicht weitergeht. Also bauen wir neue Autos mit „besserer Umweltbilanz“. Die E-Mobilität boomt. Sauberer, effizienter, leiser. Soweit so gut.
Aber: Autos bleiben schon aufgrund ihrer Quantität Teil des Problems. Sie stoßen inzwischen deutlich weniger Emissionen aus, verbrauchen aber weiter Energie und füllen unsere Städte. Der Ansatz „Weniger Dreck – Problem gelöst“ klingt gut, greift nur zu kurz. Es bleibt eine Symptombehandlung.
Die eigentlich unbequeme Frage lautet: Brauchen wir wirklich so viele Autos? Oder vielleicht grundlegend andere Mobilitätskonzepte? Mehr Raum für Fußgänger, Radverkehr, ÖPNV – weniger für stehendes Blech? Die Frage ist für uns alle unbequem, aus meiner Sicht aber zwingend notwendig, wenn wir ernsthaft etwas verändern wollen.
(2) Die Energiefrage – oder: Resilienz als Leistungssport?
Wir leben in einer Zeit hochgesteckter Ziele und ständiger Erreichbarkeit. Um all dem gerecht zu werden, überschreiten wir regelmäßig unsere Grenzen. Das führt zu Überforderung – und zur Suche nach Lösungen.
Variante A: Wir setzen alles daran, unsere Energiequellen zu maximieren und trainieren unsere Resilienz, um möglichst hohe Belastungen zu überstehen. Ganz oft völlig unabhängig davon, wie viel wir uns eigentlich zumuten.
Ursprünglich ist Resilienz unsere Fähigkeit außergewöhnliche Krisen und Ausnahmesituationen abpuffern zu können, heute wirkt sie eher wie Doping…
Apropos: Daneben unterstützen uns Hilfsmittel aller Art dabei leistungsfähig zu bleiben – egal, wie erschöpft wir sind. Wir werden Expert*innen der Symptombehandlung.
Variante B wäre der ehrlichere Weg: Erwartungen überdenken. Ziele anpassen. Die berühmte To-do-Liste nicht als unumstößliches Gesetz betrachten – sondern als Angebot, das man auch mal neu sortieren darf. Weniger ist mehr.
Das wäre echte Ursachenbekämpfung – aber eben auch unbequem und oft schwer für uns.
(3) Kinder, Medien und der digitale Rückzug
Wir sorgen uns, dass unsere Kinder „komisch“ werden, weil sie zu viel Zeit im Netz verbringen. Unsere Antwort: Bildschirmzeit einschränken. Medienkompetenz fördern. Regeln aufstellen.
Aber wechseln wir doch mal kurz die Perspektive: Vielleicht zieht es Kinder in digitale Welten, weil wir ihnen in der analogen zu wenig bieten? Vielleicht fehlt es an echter Verbindung, an gemeinsam verbrachter Zeit, an Begegnung auf Augenhöhe? Weniger Kontrolle, mehr Beziehung? Mehr Anziehung, weniger Abwehr?
Natürlich brauchen Kinder Regeln. Aber genauso wichtig sind Räume. Räume, in denen sie sich gesehen und verstanden fühlen, in denen sie sich entwickeln können ohne sofort bewertet oder korrigiert zu werden.
Stress und Bauchgefühl
Der Auslöser für all diese Gedanken war übrigens ein Werbespot. Es ging um ein Medikament gegen Bauchbeschwerden – insbesondere in stressigen oder emotional herausfordernden Situationen (!)
Meine erste Reaktion: Klar, wer nervös ist oder unter Druck steht, spürt das im Bauch. Nicht schön, aber eigentlich normal. Und mehr noch: hilfreich! Unser Körper signalisiert uns, dass etwas Außergewöhnliches bevorsteht. Und er warnt uns, wenn die Belastung zu lange anhält.
Doch was tun wir? Statt dem Körper zuzuhören, greifen wir zur Tablette. Die Symptome werden gedämpft, das Warnsystem abgeschaltet. Kein Wort in der Werbung darüber, dass es sich um eine ganz natürliche Reaktion handelt. Keine Spur von der Idee, dass dieser Zustand ernst genommen – und nicht einfach „wegtherapiert“ – werden sollte…
Die Wahl liegt bei uns
Stressreaktionen sind keine Krankheit. Sie sind wichtig – solange sie nicht dauerhaft bestehen. Der Körper braucht nach der Anspannung auch die Entspannung. Bekommt er sie nicht, meldet er sich. Immer wieder. Immer deutlicher.
Wir haben also die Wahl: Hören wir hin? Oder schalten wir das Signal aus?
Ehrlich zu uns selbst sein, an den Ursachen arbeiten – oder weiter Symptome bekämpfen und Tabletten gegen das Bauchgefühl nehmen?
Entscheiden Sie selbst.
Ihr Thomas Ritthaler