Ich muss gestehen: Diese Geschichte ist schon etwas her, mir aber heute noch ein wenig peinlich. Und genau deshalb erzähle ich sie. Denn manchmal steckt in einem unrühmlichen Moment die nachhaltigste Lektion.
Ein Tag, der schon mit dem falschen Fuß begann
Es begann eigentlich schon am Tag zuvor. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber ich habe zunehmend den Eindruck, dass lärmende Laubbläser, die früher mal zeitlich begrenzt im Herbst eingesetzt wurden, heute das ganze Jahr über Saison haben. Früher hat ein Hausmeister mit dem Besen den Hof gekehrt. Heute bedient ein Facility Manager diesen asozialen, weil lauten, wenig ökologischen und Dreck verteilenden Apparat immer öfter, ohne dass ich am Ende des Tages wirklich einen Unterschied erkennen könnte. Aber ich schweife ab.
Jedenfalls: Den ganzen Tag Lärm vor meinem Arbeitszimmer. Ein sehr anstrengender Tag.
Abends, zurück an meinem Wohnort, setzte sich das nahtlos fort. Gefühlt nur Lärm und Action rund um mich herum: lautes Telefonieren aus offenen Fenstern, Rasenmäher und Mähdrescher auf den anliegenden Feldern bis tief in die Nacht, lebhafter Austausch von Menschen über alltägliche Dinge genau vor meinem Fenster. An Ruhe und Erholung nach diesem langen Tag war nicht zu denken. Die Fenster zu schließen war bei über 35 Grad keine wirkliche Option. Ich bin erst sehr spät eingeschlafen. Der wenige Schlaf war alles andere als erholsam.
Der Moment, in dem ich die Kontrolle verlor
Und so kam die Sache mit dem Hausmeister.
Die Energie am folgenden Morgen fehlte völlig. Mein Weg zur Arbeit über eine stark befahrene Autobahn ist schon an normalen Tagen mit ausreichend Energie eine Herausforderung. In diesem Zustand bog ich auf den Parkplatz vor meiner Arbeit ein und wollte mein Auto abstellen, da tauchte er auf: der Hausmeister. Ja, in diesem Fall wirklich ein Hausmeister.
Er war sehr freundlich, was die Sache im Nachhinein nicht weniger peinlich machte und bat mich, mein Auto doch bitte eine Straße weiter zu parken, weil sie hier die Hecke schneiden müssten.
Da ist es passiert. Ich wurde ärgerlich und maulte ihn an, ob hier den ganzen Tag nur noch Lärm gemacht werde. Dann ließ ich das Auto ärgerlich wieder an, fuhr 30 Meter weiter und verschwand in meiner Praxis. Wie sich später herausstellte, parkte mein Auto immer noch genau vor der zu schneidenden Hecke.
Im ersten Moment fühlte ich mich noch stark und im Recht. Dann kamen mir ziemlich schnell sehr große Zweifel an meinem eigenen Verhalten. Der Hausmeister hatte freundlich gefragt, um schlicht und einfach seinen Job machen zu können. Gewiss kein immer leichter Job – und ganz sicher nicht besonders gut bezahlt. Und gewiss machen ihn Menschen öfter blöd an, nur weil sie ihre eigenen egoistischen Beweggründe im Blick haben. So wie ich an diesem Morgen.
Manchmal hilft nur eines: sich zu entschuldigen
Zugegeben – es war eine kleine Überwindung. Aber ich stand auf, ging hinaus zu dem Hausmeister und entschuldigte mich für mein Verhalten.
Seine Reaktion war schlicht sensationell. Er reagierte erneut sehr freundlich, lachte mich an und zeigte sogar Verständnis – „in diesen Zeiten“, wie er sagte. Dann öffnete er für mich eigens einen gesperrten Parkplatz, weil er es toll fand, dass ich mich entschuldigt hatte.
Mir fiel ehrlich gesagt ein Stein vom Herzen. Er hatte mir meine fehlende Selbstbeherrschung nachgesehen, und wir sprachen anschließend freundlich miteinander. Es lag ja nicht an ihm. Es lag nur an mir.
Was ich daraus gelernt habe
Zweierlei hat mir diese Geschichte klargemacht.
Erstens: Wenn ich einen Fehler mache, fällt mir kein Zacken aus der Krone, mich dafür auch zu entschuldigen. Eine echte Entschuldigung kostet einen kurzen Moment der Überwindung und kann in Sekunden etwas geradebügeln, was sonst lange nachwirkt. Beim Gegenüber und in mir selbst.
Zweitens: Ich sollte noch besser auf mich und meine eigene Energie achten. Wer dauerhaft auf Reserve fährt, wer Schlaf und Erholung vernachlässigt, der reagiert irgendwann dort nur noch, wo er eigentlich agieren sollte. Solche Situationen entstehen selten aus heiterem Himmel. Sie entstehen, wenn die Energie und damit der Puffer fehlt.
Das ist eine Geschichte, an die ich mich – bei aller Peinlichkeit – als Warnung gerne erinnere.
Ihr Thomas Ritthaler