Den Umgang mit Emotionen (ver)lernen

In diesem Sommer, in dem so lange die Eisdielen geschlossen waren, beobachtete ich Folgendes:

Das kleine Mädchen freute sich so sehr, als es zwei Kugeln Eis auf der Waffel von seiner Mutter geschenkt bekam. Himbeere und Schokolade. Sofort begann sie das Eis zu probieren. Einen kurzen Moment später passierte es. Das Eis löste sich von der Waffel und fiel zu Boden. Fast das gesamte Eis lag auf der Straße. Das Mädchen erschrak kurz und fing dann an bitterlich zu weinen. Die Mutter drehte sich zu ihrem Kind um und fing ganz freundlich an mit ihm zu sprechen: „Lea, liebes! Das kann jedem mal passieren. Es ist nicht schlimm. Wir kaufen dir ein neues Eis!“

Während ich diese Situation mit etwas Abstand so beobachtete, fiel mir ein psychologischer Beitrag um Thema Emotionen ein, den ich vor längerer Zeit mal irgendwo gelesen hatte. Da ging es um den Umgang mit Emotionen in einer vergleichbaren Situation, die Reaktionsmöglichkeiten der Mutter und die Auswirkungen auf das Kind.

So liebevoll und zugewandt diese Mutter in dem Moment auch mit ihrer kleinen Tochter umgegangen ist, ihre Reaktion war für das Kind dennoch nicht wirklich hilfreich.

Umgang mit Emotionen

Wieso, werden Sie sich vielleicht jetzt fragen? Die Mutter hat sich doch nicht geärgert. Sie hat sich liebevoll dem Kind zugewendet und ganz freundlich mit ihm geredet. Und sie hat ihm dann sogar versprochen das erlittene Unglück wieder gutzumachen.

Wo also ist das Problem?

Versetzen Sie sich doch bitte kurz mal in das kleine Mädchen. Ihnen fällt das Eis runter. Sie sind traurig, frustriert, vielleicht sogar wütend… Ihre Emotionen passen sehr gut zu der Situation. Sie haben etwas verloren und sie sind traurig über den Verlust. Ihre Erwartung ein leckeres Eis essen zu können, wird enttäuscht und sie empfinden Frust und Wut. Jetzt kommt jemand zu Ihnen und sagt, dass dies alles nicht so schlimm wäre, es jedem passieren könnte und es auch ganz schnell wieder gut zu machen wäre. Ihre Emotionen in dieser Situation also nicht angemessen wären.

Das Erleben des Kindes und die Relativierung der Situation durch die Mutter sorgen bei dem Kind zumindest unbewusst für Verwirrung: Fühle ich „falsch“? Was ist jetzt eigentlich die „richtige“ Emotion in der Situation? Passiert dies dem Kind öfter, kann es dazu führen, das der Situation angemessene Emotionen keinen Raum mehr bekommen und zur Seite geschoben werden.

Was könnte die Mutter also tun?

Liebevolle Zuwendung und eine persönliche Ansprache waren toll und sollten unbedingt beibehalten werden. Weiter könnte sie versuchen sich in das Kind reinzuversetzen und dann diese Emotionen anzusprechen. Mutter und Tochter teilen so eine angemessene Weile Traurigkeit und Frust!

…und danach ist aus meiner Sicht nichts gegen 2 Kugeln Eis zu sagen… 😉

Ihr Thomas Ritthaler