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Willensfreiheit

Willensfreiheit
Willensfreiheit

Aspekte des Entscheidens

 

„Tugend! Abgeschmackt! In uns selber liegt`s, ob wir so sind oder anders. Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner, so daß, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen, Ysop aufziehn oder Thymian ausjäten, ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen oder mit mancherlei Gewächs aussaugen, ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten – ei, das Vermögen dazu und die bessernde Macht liegt durchaus in unserem freien Willen.“

(Jago in Shakespeare`s Othello) [1]

 

1.  Einleitung

Greift man einen beliebigen Tag aus dem Leben eines Menschen heraus und führt sich vor Augen wie oft an diesem einen Tag Entscheidungen getroffen werden müssen, wird schnell deutlich, dass der Vorgang des Entscheidens ein essentieller Bestandteil unseres alltäglichen Lebens ist [2]: Von kleineren, üblicherweise wenig folgenreichen Entscheidungen wie beispielsweise der Kleiderwahl am Morgen oder des Getränks am Frühstückstisch bis hin zu schwerwiegenden Entscheidungen im Berufsleben mit möglichen Konsequenzen für andere Menschen; spontane intuitive Entscheidungen oder langwieriges bewusstes Abwägen – verschiedenste vielfältige Entscheidungen werden tagtäglich getroffen, kennzeichnen und beeinflussen direkt oder indirekt unser Leben.

Doch wie kommt es zu diesen Entscheidungen? Auf welcher Grundlage treffen wir eine Entscheidung? Sind diese Entscheidungen Ergebnis unseres freien Willens? Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Willensfreiheit“? ‚Freuds Entdeckung eines „dynamischen Unbewußten“’ (Mertens, 2000, S. 62), ein für unser Bewusstsein auch mit noch so großer willentlicher Anstrengung unzugänglicher Bereich, konnte in der jüngeren Vergangenheit von Kognitionspsychologen vielfach bestätigt werden: Kognitive Prozesse wie Wahrnehmung, Denken und eben auch Entscheiden laufen zu einem erheblichen Teil nicht bewusst ab; unbewusste Einflüsse wirken umgekehrt auf die kognitiven Prozesse. Neuere Erkenntnisse auf dem Gebiet der Neurowissenschaften neben tiefenpsychologischen Aspekten unseres Unbewussten werfen Fragen zu den Grundlagen von Entscheidungen und damit letztlich auch zur Willensfreiheit auf.

Im Folgenden sollen aus interdisziplinärer Sicht Entscheidungen und ihre Grundlagen vor dem Hintergrund tatsächlicher oder vermeintlicher Willensfreiheit betrachtet, sowie Einflüsse des Unbewussten auf den Entscheidungsprozess diskutiert werden. Dabei werden zunächst grundsätzliche Positionen zur Willensfreiheit dargestellt, sowie wesentliche Einflussfaktoren auf Entscheidungen aus neurowissenschaftlichem und tiefenpsychologischem Blickwinkel aufgezeigt. Vervollständigt wird dieser Teil durch ausgewählte Aspekte des Bewussten versus Unbewussten und den darauf aufbauenden Mechanismen der eigentlichen Entscheidungsfindung. Das abschließende Kapitel skizziert kurz einige Zusammenhänge zwischen psychoanalytischer Therapie und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen.

[1] Shakespeare (1967), Akt 1, Szene 3.
[2] vgl. Phineas P. Gage (Damasio, 2001, S. 25ff.)

 

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