Tabletten gegen das Bauchgefühl

Manchmal könnte man schon auf den Gedanken kommen die Welt stünde Kopf. Nein, ich werde mich jetzt hier nicht zu aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Themen äußern. Mich beschäftigt eine andere Frage. Ob sie in Zusammenhang mit dem aktuellen Tagesgeschehen steht, mag jeder für sich selbst prüfen.

Bei mir verstärkt sich in letzter Zeit vermehrt das Gefühl, dass wir oft Auslöser und Auswirkung verwechseln. Wir versuchen die unterschiedlichsten Probleme zu beheben und setzen dabei häufig auf eine reine Symptombehandlung, ohne uns um die eigentlichen Ursachen des Problems zu kümmern. Danach wundern wir uns, dass unser Problem nicht verschwindet – oder tun zumindest so. Ok, manchmal wissen wir es nicht besser, aber ganz oft ist die Symptombehandlung einfach der leichtere Weg, allerdings meist am Ziel vorbei. 3 Beispiele.

Auslöser oder Auswirkung?

(1) Wir wollen etwas für die Umwelt tun, weil wir ja irgendwie schon verstanden haben, dass es so nicht weiter geht. Deshalb bauen wir immer mehr saubere Autos mit einer sauberen Umweltbilanz?! Autos machen Dreck. Daraus folgt nach unserer Logik: Autos müssen weniger Dreck machen. Ok… aber nur Symptombehandlung.

(2) Um all unsere hochgesteckten Ziele zu erreichen und die vielfältigen Aufgaben in unserem Leben zu schaffen gehen wir ständig an und über unsere Grenzen. Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, gibt es zwei mögliche Herangehensweisen: (a) Wir sorgen dafür, dass immer Energie im Überfluss vorhanden ist, unabhängig davon wieviel Energie wir auch verbrauchen. Wir erhoffen uns von Resilienztrainings, dass sie uns davor schützen von unserer selbstgewählten Überlastung dauerhaft verformt zu werden.

(Anmerkung: Ursprünglich ging es beim Thema Resilienz, die so damals noch nicht so hieß, darum, wie Menschen ihre innere Stärke in außergewöhnlich herausfordernden Situationen erfolgreich einsetzen konnten. Nicht so sehr darum wie ich von außen Resilienz in einen Menschen „hineinbekomme“).

Zudem benutzen wir Hilfs- und Aufputschmittel verschiedenster Art, um jederzeit topfit zu sein. Wir werden so zu professionellen Symptombekämpfern. (b) Die zweite Möglichkeit würde das Problem zwar an der Wurzel bekämpfen, liegt uns aber nicht so wirklich. Sie wäre: Weniger ist mehr. Wir überarbeiten unsere Ziele, passen unsere Erwartungen an und reduzieren die vermeintlich unveränderbare To-do-Liste.

(3) Wir wundern uns, dass unsere Kinder vermeintlich immer komischer werden und zunehmend Zeit mit ihren digitalen Endgeräten verbringen. Diese Zeit sollten wir, so unsere feste Überzeugung, unbedingt im Sinne einer verantwortungsvollen Medienerziehung einschränken. Ergibt umgekehrt gedacht nicht mehr Sinn? Könnten attraktive Angebot von uns und mehr Zeit für die Kids nicht vielleicht deren Hype um die digitale Welt normalisieren?!?

Stress und Bauchgefühl

Ausgangspunkt für all diese Überlegungen war ein Werbespot, den ich dieser Tage im TV gesehen habe. Es ging dabei um Bauchbeschwerden bis hin zu Bauchkrämpfen, die im Alltag und auch in wichtigen Momenten auftreten… Ok, dachte ich mir, bei Stress und in wichtigen Momenten kann Aufregung und Nervosität ein unangenehmes Bauchgefühl erzeugen. Nicht schön, aber normal. Mehr noch, sehr hilfreich: Der Körper zeigt uns an, dass er sich auf eine außergewöhnliche Situation vorbereitet. Und er warnt uns zusätzlich dann, wenn die Belastung nach einer Herausforderung nicht nachlässt.

Das Bauchgefühl als Warnsystem

Und jetzt kommen wir. Wir verwechseln wiederum den Auslöser mit der Auswirkung und greifen zu Medikamenten, die laut Werbung unsere Symptome lindern. Das Warnsystem wird ausgeschaltet. Kein Wort darüber, dass es sich um eine natürliche Reaktion in außergewöhnlichen Situationen handelt, die beachtet werden sollte und nicht dauerhaft auftreten darf.

Stressreaktion und chronischer Stress sind beides Auswirkungen von herausfordernden Situationen. Erstere ist normal und wichtig, das zweite auf Dauer ungesund. Es ist gut, dass unserer Körper eine Stressreaktion zeigen kann und sich auf solche Herausforderungen vorbereitet. Danach aber – und das ist auch wichtig – muss er sich erholen. Bekommt der Körper diese Gelegenheit nicht, meldet er sich, um uns zu warnen und chronischen Stress zu verhindern.

Entscheiden Sie selbst: Lieber ehrlich zu sich selbst sein und an den Ursachen arbeiten oder Auswirkungen bekämpfen und Medikamente gegen das Bauchgefühl nehmen…

Ihr Thomas Ritthaler